Der deutsch-russische Dialog ist unausweichlich

Im Vorfeld des 9. Mai, des russischen Tags des Sieges, sprach die MDZ mit dem Europaabgeordneten Michael von der Schulenburg über seine russischen Wurzeln, die Voraussetzungen für einen Neustart des deutsch russischen Dialogs sowie den Wandel der Erinnerungskultur.

Der 9. Mai in Russland ist ein Feiertag, der Generationen vereint und die Erinnerung an die Heldentat der sowjetischen Soldaten bewahrt. Letztes Jahr besuchten Sie zusammen mit einer kleinen Gruppe Ihrer Kollegen aus dem Europäischen Parlament gerade an diesem Tag Moskau. Was bedeutet es für Sie persönlich, an den Gedenkveranstaltungen am 9. Mai in Russland teilzunehmen? 

Ach ja, gut, dass Sie das gerade jetzt ansprechen. Es ist nun fast genau ein Jahr her, und doch kommt es mir vor, als wäre es erst gestern gewesen. Ich war tief beeindruckt von der Freundlichkeit und Herzlichkeit, mit der wir in Moskau empfangen wurden – gerade auch als Deutsche. 

Am 9. Mai gingen wir als Privatpersonen gemeinsam mit Tausenden Russen zum Grab des Unbekannten Soldaten. Viele trugen ausgebleichte Schwarz Weiß Fotografien ihrer gefallenen Angehörigen mit sich. Auch wir legten drei rote Nelken nieder. Zunächst hatten wir überlegt, dort kein Deutsch zu sprechen, um keinen – durchaus verständlichen – Unmut hervorzurufen. Doch wir sprachen schließlich Deutsch. Und das Erstaunliche geschah: Alle um uns herum begegneten uns mit einer so großen Herzlichkeit, fast so, als freuten sie sich, dass auch zwei Deutsche an diesem Ort der Erinnerung standen – an dem Grab eines unbekannten Soldaten, der mit hoher Wahrscheinlichkeit einst von Deutschen getötet wurde. Diese unerwartete Wärme hat mich tief berührt.