Die Ukraine ist auf dem Weg, ein „failed state“ zu werden
Interview mit The World News Monitor, veröffentlicht am 7. Oktober 2026. Link zum Artikel hier.
Wie haben Sie die Merz-Rede in Münster wahrgenommen?
Ich fand es zunächst eine Perversion, der NATO diesen Friedenspreis von Münster zu geben. Aber wichtiger finde ich Merz‘ Reise nach Kiew. Entscheidend sind für mich zwei Punkte. Erstens: Er fordert jetzt Gespräche und Friedensverhandlungen mit Russland. Einen Waffenstillstand erwähnt er dabei nicht. Das ist ein großer Unterschied.
Noch im Juni hieß es von der Bundesregierung und auch im Parlament, Russland verliere den Krieg und werde an den Verhandlungstisch gezwungen – also zu unseren Bedingungen. Später wurde nach russischen militärischen Fortschritten ein sofortiger, bedingungsloser Waffenstillstand gefordert: erst Waffenstillstand, dann Verhandlungen.
Jetzt spricht Merz in Kiew von Friedensverhandlungen, ohne einen vorherigen Waffenstillstand zur Bedingung zu machen. In der Mitschrift beschäftigt er sich ausführlich damit. Das ist keine beiläufige Bemerkung. Vielleicht sehen wir hier eine gewisse Akzeptanz der Realitäten, die sich durch den Krieg ergeben haben.
Der zweite Punkt betrifft die Europäische Union. Merz spricht mit Selenskyj über eine Form der Assoziierung der Ukraine an die EU, während Selenskyj bisher auf einer Vollmitgliedschaft bestanden hat. Gleichzeitig verlangt Merz Reformen bei Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung und verbindet sie mit weiteren Zahlungen der EU.
Die Ukraine steht finanziell massiv unter Druck, und weitere Hilfen werden an Bedingungen geknüpft. Das ist ein qualitativer Unterschied.
Deshalb halte ich diesen Besuch für wichtig. Trotz der politischen Schwäche von Merz könnte hier eine Weichenstellung vorgenommen worden sein, die auch ein Nachfolger nicht ohne Weiteres zurückdrehen würde.
In welcher Lage befindet sich die Ukraine?
Für die Ukraine ist die Situation schrecklich. Die große Gefahr ist meiner Ansicht nach, dass sie zu einem „failed state“, also einem zerfallenden Staat, wird. Wenn staatliche Strukturen zusammenbrechen, übernehmen oft Milizen oder regionale Gruppen die Kontrolle. Für einen europäischen Staat wäre das eine Katastrophe.
Deshalb sind Verhandlungen so wichtig. Wir müssen versuchen, den ukrainischen Staat zu erhalten und funktionsfähig zu halten. Dazu braucht es Gespräche mit Russland.
Erkennen Sie also eine Trendwende bei Merz? Weg von der bisherigen Linie und stärker in Richtung Verhandlungen?
Das, was er dort gesagt hat, entspricht jedenfalls nicht seiner bisherigen Sprache. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das unbeabsichtigt war. Ich hoffe, dass auch die Russen das wahrnehmen. Denn wir müssen zu Gesprächen kommen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass zwischen Russland und uns ein immer stärker zerstörter Staat liegt, aus dem Menschen weggehen, weil sie keine Zukunft mehr sehen.
Ich habe viele Kriege gesehen und weiß, wie sehr die Bevölkerung darunter leidet. Deshalb müssen wir vor allem im Interesse der Ukraine verhandeln. Wir haben eine Verantwortung dafür, dass der ukrainische Staat bestehen und funktionsfähig bleiben kann. Dazu müssen Deutsche und Russen wieder miteinander reden.
Haben Sie den Eindruck, dass hinter Merz‘ Äußerungen bereits ein Plan steht, der mit anderen abgestimmt ist?
Nein, das denke ich nicht. Für die deutsche Regierung ist es derzeit fast unmöglich, mit Russland zu verhandeln. Deutschland wäre allerdings einer der größten Profiteure eines Friedens oder Ausgleichs mit Russland in Europa.
Um ernsthaft zu verhandeln, müsste man anerkennen, dass es nicht nur um territoriale Fragen geht, sondern auch um russische Sicherheitsinteressen, insbesondere um die Nato-Erweiterung.
Dann würde vermutlich auch die Neutralität der Ukraine auf den Tisch kommen. Damit stellt sich die Frage: Warum wurde dieser Krieg dann so lange geführt? Hätte man bestimmte Dinge nicht schon früher verhandeln können, etwa in Istanbul?
Dann würde sich auch die Schuldfrage anders stellen. Ich sage nicht, dass Russland keine Schuld trägt. Aber die Vorstellung, die eigene Seite sei völlig frei von Verantwortung, lässt sich dann schwer aufrechterhalten. Für Regierungen ist ein solcher Schritt politisch sehr schwierig.
Wie können Gespräche überhaupt beginnen, wenn die deutsche Regierung dazu kaum in der Lage ist und auch die EU keine entsprechende Linie verfolgt? Gibt es bereits Kontakte?
Bei der UNO besteht in solchen Situationen zunächst die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass beide Seiten überhaupt miteinander reden können. Dafür braucht man Vermittler oder Shuttle-Diplomatie.
Im Ukraine-Krieg ist das besonders schwierig, weil vier der fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates involviert sind: die USA, Großbritannien, Frankreich und Russland. Für den UN-Generalsekretär sind die Möglichkeiten deshalb begrenzt.
Eine andere Möglichkeit ist das, was wir bei den Vereinten Nationen als „Grey Beards“ bezeichnet haben: ehemalige Minister oder andere Persönlichkeiten, die früher wichtige Positionen innehatten, heute aber keine Regierungsämter mehr ausüben.
Solche Personen können eine Brücke zwischen beiden Seiten schaffen. Sie stehen den Regierungen nahe, besitzen aber größere Freiheiten.
Gibt es konkrete Bemühungen, solche Gespräche anzustoßen? Oder ist das zunächst eine Idee?
Ich habe solche Überlegungen in Russland besprochen, und dort besteht grundsätzlich Interesse. Mehr möchte ich dazu im Moment nicht sagen, weil dann Namen genannt werden müssten.
Solche Gespräche müssen sorgfältig vorbereitet werden. Man braucht konkrete Themen. Man muss mit Themen beginnen, bei denen Gemeinsamkeiten bestehen. Eine solche Gemeinsamkeit zwischen Deutschland und Russland könnte die Erkenntnis sein, dass nach zwei Weltkriegen deutsche und russische Soldaten nie wieder gegeneinander Krieg führen sollten.
Am Ende muss Europa mit Russland über die europäische Sicherheitsordnung sprechen. Ohne eine Verständigung über russische Sicherheitsinteressen wird es meiner Ansicht nach keinen dauerhaften Frieden in der Ukraine geben.
Wenn Sie von „uns“ sprechen: Meinen Sie Deutschland, die EU oder auch die USA?
Vor allem die Europäische Union. Vielleicht könnte Deutschland dabei eine führende Rolle übernehmen. Wir versuchen, militärisch Führung zu übernehmen – warum nicht auch beim Frieden?
Ich könnte mir vorstellen, dass etwa Österreich daran Interesse hätte. Deutschland und Österreich würden von einer Normalisierung der Beziehungen zu Russland stark profitieren.
Ich glaube nicht, dass wir Europäer uns hinter Verhandlungen der Amerikaner verstecken sollten. Dieser Krieg findet auf europäischem Boden statt. Es geht um die europäische Sicherheitsordnung und um die Ukraine als wichtigen europäischen Staat.
Die USA haben andere Interessen. Meine Erfahrung aus Afghanistan war, dass die Amerikaner ihre Gespräche mit den Taliban weitgehend eigenständig führten und die Europäer teilweise erst spät informierten – die haben das aus der Zeitung erfahren.
Europa muss selbst ein elementares Interesse daran haben, wieder Frieden auf dem europäischen Kontinent zu schaffen.
Haben Sie den Eindruck, dass das in Europa ähnlich gesehen wird? Wenn man etwa auf Kaja Kallas, die baltischen Staaten oder die militärischen Manöver blickt, wirken die Signale eher gegenteilig.
Natürlich. Deshalb halte ich das, was Merz gesagt hat, für bemerkenswert. Die Europäische Union befindet sich meiner Ansicht nach in dieser Frage auf einem falschen Weg.
Gleichzeitig wird die finanzielle Unterstützung der Ukraine zunehmend diskutiert. Ich glaube deshalb, dass der Ukraine-Krieg auch die EU verändern wird. Sie wird nach diesem Krieg nicht mehr dieselbe sein wie vorher – jedenfalls nicht in der Form, wie Ursula von der Leyen sie sich vorstellt.
Ich bin keineswegs anti-europäisch. Aber ich habe mich beruflich viele Jahre mit der Einschätzung von Kriegen beschäftigt, auch im Sicherheitsrat. Eine solche Einschätzung kann nie nur militärisch sein. Man muss auch sehen, welche politischen Türen sich öffnen und welche sich schließen.
Dieser Krieg ist größer als viele Konflikte, mit denen ich früher zu tun hatte. Aber bestimmte Mechanismen sind dieselben.
Ursula von der Leyen könnte als Präsidentin der Europäischen Kommission eigentlich auch stärker auf Vermittlung setzen. Stattdessen hören wir von ihr häufig sehr harte Töne. Was treibt sie Ihrer Ansicht nach an?
Dahinter stand meiner Ansicht nach die Vorstellung, die Europäische Union könne in einer multipolaren Welt zu einem dritten großen Machtzentrum neben den USA und China werden.
Gleichzeitig ging man davon aus, dass Russland durch diesen Krieg stark geschwächt würde. Die Vorstellung war, dass sich die EU durch den Konflikt politisch stärker zusammenschließt und selbst zu einer Art Großmacht wird. Diese Rechnung geht nicht auf.
Stattdessen wird Russland aus diesem Krieg als bedeutender Machtfaktor hervorgehen, während die Europäische Union international an Einfluss verliert.
Würden Sie die Rede von Merz als markanten Einschnitt in Richtung Verhandlungen bezeichnen?
Ich würde es vorsichtiger formulieren. In dieser Rede finden sich bemerkenswerte Aussagen, die wir beobachten müssen.
Wenn sich bestätigt, was Merz dort angedeutet hat, wäre das ein qualitativer Unterschied zur bisherigen Politik. Das betrifft die künftige Einbindung der Ukraine in die EU, weitere finanzielle Hilfen und vor allem Friedensgespräche mit Russland.
Ob Merz diese Linie tatsächlich weiterverfolgt, ist offen.
Glauben Sie, dass Russland an einem Ende des Krieges und an Verhandlungen interessiert ist?
Wenn die EU sagt, Russland wolle nicht verhandeln, heißt das häufig: Russland will nicht zu den Bedingungen verhandeln, die wir vorgegeben haben.
Die westlichen Bedingungen umfassten unter anderem einen vollständigen russischen Rückzug, Reparationszahlungen, ein Sondertribunal und die Möglichkeit einer NATO-Mitgliedschaft der Ukraine.
Russland verlangt seinerseits, dass die Ergebnisse des Krieges und seine territorialen Ansprüche akzeptiert werden. Noch wichtiger sind aus russischer Sicht die Neutralität und eine weitgehende militärische Begrenzung der Ukraine.
Die Positionen liegen also sehr weit auseinander. Die entscheidende Frage lautet nicht: Will jemand verhandeln oder nicht? Sondern: Zu welchen Bedingungen ist eine Seite bereit, in Verhandlungen einzutreten?
Trotzdem muss irgendjemand solche Gespräche vorbereiten. Sind Sie zuversichtlich, dass es im Hintergrund bereits ernsthafte Kontakte gibt?
Nein, diese Zuversicht habe ich nicht.
Aber allein die Aussage, man wolle Gespräche und Friedensverhandlungen, ist bereits ein Schritt. Wie man solche Gespräche tatsächlich organisiert, ist eine andere Frage. Dafür fehlt in Deutschland meiner Ansicht nach viel Erfahrung.
Gleichzeitig müsste es schnell gehen. Mit jedem weiteren Kriegstag verschlechtert sich die Lage der Ukraine.
Was würde ein „failed state“ in der Ukraine konkret bedeuten?
Dass es keine funktionierende Regierung mehr gibt, die das gesamte Land tatsächlich kontrollieren kann.
Das Land könnte sich in verschiedene Regionen und Machtbereiche aufspalten. Vergleichbares haben wir in Libyen, Syrien oder Somalia gesehen: Formal existiert vielleicht noch eine Zentralregierung, aber sie kontrolliert große Teile des Landes nicht mehr.
Das wäre für die Ukraine und für Europa eine katastrophale Entwicklung.
Gibt es innerhalb der Ukraine Kräfte, die diese Gefahr ebenfalls sehen und einen anderen Kurs einschlagen wollen?
Das kann ich nicht abschließend beurteilen. Ich habe weiterhin Kontakte zu Ukrainern. Mein Eindruck ist aber, dass auch dort, einschließlich Teilen der Opposition, eine erhebliche Realitätsverweigerung vorhanden ist.
Das ist in Kriegen nicht ungewöhnlich. Aber ohne eine nüchterne Einschätzung der eigenen Situation lässt sich keine Strategie entwickeln.
Die Ukraine hat enorme demografische Verluste erlitten, Millionen Menschen haben das Land verlassen, es gibt Tote und Kriegsversehrte, und die Infrastruktur wird weiter zerstört. Man muss sich deshalb fragen, wie ein realistisches Kriegsziel heute noch aussehen kann.
Europa hat meiner Ansicht nach inzwischen ein größeres Interesse an einer Friedensregelung, als häufig eingestanden wird.
Für mich bleibt die Frage, wie weit sich Ihre Interpretation von Merz tatsächlich in politische Konsequenzen übersetzen lässt.
Deshalb bin ich damit vorsichtig. Wenn man seine Aussagen zu verschiedenen Zeitpunkten vergleicht, hat sich die Sprache verändert.
Bei einem Krieg ist es fundamental, ob man zunächst einen bedingungslosen Waffenstillstand verlangt oder direkt von Friedensverhandlungen spricht. Ebenso entscheidend ist, ob man glaubt, den Gegner militärisch besiegen und zu den eigenen Bedingungen an den Verhandlungstisch zwingen zu können – oder ob man akzeptiert, dass ein Kompromiss notwendig wird.
Ich habe beruflich viel mit Verhandlungen zu tun gehabt. Deshalb erscheint mir diese Veränderung bemerkenswert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie völlig zufällig ist.
Glauben Sie also, Merz hat sich etwas dabei gedacht?
Ja. Dass er sich so ausführlich damit beschäftigt, ist kein Zufall.
Die Aussagen zur künftigen Beziehung der Ukraine zur EU, die Bedingungen für weitere finanzielle Unterstützung und seine Äußerungen zu Gesprächen mit Russland sind wichtige Punkte.
Ob er daraus tatsächlich eine neue Politik entwickeln kann, ist eine andere Frage. Merz und seine Regierung stehen politisch unter Druck.
Am Ende entscheidet in einem Krieg auch die Entwicklung auf dem Schlachtfeld über die Politik.
Letzte Frage: Glauben Sie, dass Russland trotz der europäischen Beteiligung am Krieg weiterhin an einer tragfähigen europäischen Nachkriegsordnung interessiert ist? Oder sind die Beziehungen inzwischen zu vergiftet?
Ja, ich glaube, dass auf russischer Seite Interesse besteht.
Ich bin zweimal aus eigener Initiative nach Russland gereist. Ich habe bewusst keine offiziellen Einladungen angenommen, weil ich unabhängig bleiben wollte. Trotzdem war es möglich, dort auf hoher Ebene Gespräche zu führen.
Daraus schließe ich, dass grundsätzlich Interesse vorhanden ist. Die entscheidende Frage ist, ob auf deutscher und europäischer Seite ebenfalls die Bereitschaft entsteht.
Deshalb finde ich die Äußerungen von Merz interessant. Vielleicht ist dort ein kleines Fenster aufgegangen.
In Kriegen muss man auf solche Veränderungen achten. Niemand öffnet sofort ein großes Fenster, weil jede Seite Angst hat, Schwäche zu zeigen. Ich will das nicht überbewerten. Aber ich glaube, dass an dieser Rede etwas bemerkenswert ist.
Die Fragen stellte Michael Maier.